Franz-Xaver Kaufmann ist verschieden

© Renate Hofmann

 

 

 

Kaum einer beobachtete die katholische Kirche so kritisch und konstruktiv wie Franz-Xaver Kaufmann: Während Jahrzehnten wirkte der renommierte Religionssoziologe aus Zürich als Professor für Sozialpolitik und Soziologie an der Universität Bielefeld und als Berater von Synoden, Bischöfen und Laien. Nun ist er am 7. Januar 2024 im Alter von 91 Jahren gestorben. In der Edition Exodus hat er sein letztes Buch veröffentlicht: Katholische Kirchenkritik (2022). Der Verlag gedenkt seiner in Respekt und Dankbarkeit.

Wir veröffentlichen eine Würdigung, die Rudolf Walter, früherer Cheflektor des Herder Verlages, zu Kaufmanns 90. Geburtstag veröffentlicht hat, ebenso eine Besprechung des Buches «Katholische Kirchenkritik».


Franz-Xaver Kaufmann
Katholische Kirchenkritik
«… man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Methode vorsingt!»

ISBN 978-3-907386-00-2
198 Seiten
Fr. 22.– / € 20.–
Luzern 2022

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Buchbesprechung

Rechtzeitig, in einer Phase der Verunsicherung und Selbstvergewisserung der katholischen Kirche, erscheint ein Band mit luziden Texten des bekannten Schweizer Soziologen zum tieferen Verständnis der gegenwärtigen Situation. Er ist zugleich gläubiger Katholik, an guter Praxis orientiertes Mitglied dieser Kirche. Das und Klarheit des Denkens macht das Besondere der Texte dieses Bandes aus. Er lässt vieles klarer sehen, was im Argen liegt, weil er an der nüchternen Analyse der historischen und gesellschaftlichen Zusammenhäng kirchlicher Realität interessiert ist.

„Tiefere Schichten der sich heute vor allem im Kontext der Missbrauchsdiskussion und der Frauenfrage manifestierenden Krise ans Licht zu bringen, das scheint mir eine wichtige Aufgabe katholischer Kirchenkritik“, sagt der Autor im Vorwort. Und in der Tat: Was ihn immer interessierte ist die Frage nach Bedingungen des Gelingens und Misslingens sozialen Handelns, die Frage nach Gerechtigkeit, Solidarität, Gemeinwohl, Inklusion, Verantwortung, Vertrauen. Sein Buch klärt auf über die gesellschaftliche Dimension von Religion und Kirche und zeigt auch die strukturellen Voraussetzungen kirchlicher Fehlleistung als sozialer Institution:  Zentralismus, monokratisches Selbstverständnis, Klerikalismus, Mangel an Rechtssicherheit sind Stichworte. Es fragt nach der Unterscheidung zwischen dem Römischen und Katholischen, eruiert Gründe für die moralische Lethargie mancher Hierarchen, sucht auch theologische Gründe für Fehlentwicklungen.

Ob und wie Glaube zukunftsfähig sein kann, ist eine Frage, die ihn wie viele umtreibt. Er verweigert sich optimistischen Prognosen. Aber setzt als glaubender Mensch auf die Kraft des Evangeliums. Von den Kirchen fordert er, die grundlegenden Botschaften Jesu im kollektiven Gedächtnis der sich globalisierenden Menschheit lebendig zu halten. „Franz-Xaver Kaufmanns Texte nicht zu kennen, ist fahrlässig.“ Das schrieb kürzlich Joachim Hake, Direktor der Katholischen Akademie Berlin und Konsultor im Päpstlichen Rat für Kultur. Er hat recht.

Rudolf Walter  

   © Daniel Biskup

Rudolf Walter ist Philosoph, Theologe und Publizist. Er lebt in Freiburg i. Br. Als langjähriger Cheflektor des Herderverlags betreute er die Publikation zahlreicher Werke von Franz-Xaver Kaufmann. Im Herbst 2022 erschien in der Edition Exodus von Kaufmann das Buch: Katholische Kirchenkritik. «… man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!» (Luzern 2022).