Aus dem Inhalt
Von der Notwendigkeit einer prophetischen Kirche in Amazonien
Die katastrophalen «Verbesserungen» im Amazonasgebiet
Stimmen einer prophetischen Kirche
- Die Pastoraltreffen in Manaus, Belém-Icoaraci und Santarém
- Die Generalkonferenzen des lateinamerikanischen
Episkopats (CELAM) - Das Pan-Amazonische Kirchennetzwerk (REPAM)
- Die überregionalen Treffen der Katholischen Kirche im Amazonasbecken
Papst Franziskus, die indigenen Völker und die Ökologie
- Die Enzyklika Laudato sì
- Die Sondersynode der Bischöfe für die Region Pan-Amazonien (2019): «Neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie»
- Die Apostolischen Schreiben Querida Amazonia, Fratelli tutti und Laudate Deum
Märtyrerinnen und Märtyrer
Epilog
- Franziskus und sein Traum einer synodalen Kirche
- Das «indigene Testament»
- Leo XIV.
Geborgenheit in der Ungeborgenheit – Bilanz des Bischofs vom Xingu
Hinführung
Prof. Dr. Birgit Weiler | Sie gehört dem Orden der Missionsärztlichen Schwestern an. Die Theologin lehrt an der Katholischen Universität von Peru.
Übersetzung
Monika Ottermann | Übersetzt aus dem Portugiesischen. Die deutsche Theologin war lange in Palästina und lebt seit 1989 in Brasilien. Sie arbeitet als Übersetzerin/Dolmetscherin und ist Aktivistin bei der Wohnungslosenbewegung MTST.
Authentisch und wegweisend –
ein Bischof zieht Bilanz
«Es sind die indigenen Völker am Xingu und in ganz Brasilien, die mir ans Herz gewachsen sind. Einst starke Völker wurden im Laufe der vergangenen Jahrhunderte zu Restvölkern und machen heute im Verhältnis zu den 200 Millionen Brasilianern eine verschwindend kleine Minderheit aus. Sie sind nach wie vor in ihrem kulturellen, aber auch physischen Überleben bedroht.
Am Xingu entstanden ab 1972 die ersten Basisgemeinden. Als Bischof habe ich diese Weise, Kirche zu sein, ganz bewusst gefördert, weil ich einfach der Überzeugung war und bin, dass dieses seelsorgliche Konzept in Amazonien greift und den urkirchlichen Gemeinden ganz nahe kommt.
‹Geborgenheit› kommt von ‹bergen›. Man birgt aber nicht nur Tote, sondern vor allem Verletzte. Unsere Kirche soll zum Hoffnungsanker gerade für verletzte Menschen werden, für Menschen, die an der ‹existenziellen Peripherie› leben. Wir wollen sie spüren lassen, dass sie wichtig, mehr noch, dass sie uns Schwestern und Brüder sind. Wir warten nicht auf sie, sondern wir holen sie dort ab, wo sie sind.»
Erwin Kräutler | Geborgen in der Ungeborgenheit
Bischof Erwin Kräutler | geboren 1939 in Koblach, Vorarlberg, ging 1965 als Priester der Kongregation «Missionare vom Kostbaren Blut» ins brasilianische Amazonasgebiet, Prälatur Xingu. 1978 wurde er brasilianischer Staatsbürger.
Im Jahr 1980 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Xingu, dem damals größten Bistum Brasiliens – flächenmäßig entsprach es der Bundesrepublik Deutschland. Sein Bischofsamt übte er 35 Jahre lang aus. Er wurde zu einem kompromisslosen Verteidiger der indigenen Völker und der Umwelt in Amazonien. 17 Jahre lang war er Präsident des Rates der Brasilianischen Bischofskonferenz für indigene Völker (CIMI) und seit dessen Gründung Sekretär und Präsident des Pan-amazonischen Kirchen-Netzwerkes (REPAM).
Bischof Erwin Kräutler nahm an den Generalversammlungen der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik in Santo Domingo (1992) und Aparecida (2007) sowie an den Synoden für Amerika (1997) und Pan-Amazonien (2019) in Rom teil. Er arbeitete mit Papst Franziskus zusammen bei der Formulierung der Umwelt-Enzyklika Laudato sì und hob dabei die Frage der indigenen Völker und die Erhaltung Amazoniens hervor.
Der Bischof wurde 1983 von der Militärpolizei festgenommen und verprügelt. Fünf Jahre später überlebte er einen Mordanschlag nur knapp. Die Verteidigung Amazoniens und der indigenen Völker brachte ihm weitere Morddrohungen ein und zwang ihn, Polizeischutz anzunehmen.
2010 erhielt er den Alternativen Nobelpreis für sein Engagement zugunsten Amazoniens und der indigenen Völker. Er wurde mit fünf Ehrendoktorwürden und mit dem Herbert Haag Preis (2026) ausgezeichnet. Der emeritierte Bischof lebt und arbeitet weiterhin in der Diözese Xingu-Altamira. International erhebt er nach wie vor seine Stimme wegen der schädlichen Folgen, welche die Abholzungen in Amazonien für die Umwelt dort, aber auch für das globale Klima nach sich ziehen.
ila 496, Juni 2026, Werner Rätz
Mit prophetischen Reden und Taten gegen die Zerstörung von Natur und Lebensraum
Leben und Wirken von Erwin Kräutler
Erwin Kräutler war 35 Jahre Bischof von Xingu in Amazonien und 17 Jahre Präsident des Rates der Brasilianischen Bischofskonferenz für indigene Völker (CIMI). Er wurde zwar in Österreich gebo-ren, lebt aber seit 1965 in Brasilien. In jenem Jahr gelobten etwa 40 Bischöfe während des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Domitila-Katakombe in Rom, sich auf eine arme und dienende Kirche zu verp!ichten. Diesen ersten „Katakombenpakt“ hat wesentlich Kräutler 2019 während der Amazonassynode neu aufgenommen. Er ist Urgestein der Befreiungstheologie.
von Werner Rätz
Völlig zu Recht schreibt Birgit Weiler in einem „Hinführung“ genannten Vorwort zu Kräutlers neustem Buch, der Bischof sei „ein Mystiker“, und er selbst wählt als Motto dieses Buches den Satz: „Verachtet prophetisches Reden nicht.“ (1 Thess 5,20) „Prophetisches Reden“ oder die Rede von einer „prophetischen Kirche“ lasse viele „die Nase rümpfen“, schreibt er. Aber man könne „das Unglück und das Leid von vielen Milliarden (gemeint: Millionen?, Anm. d. Red.) unserer Brüder und Schwestern (nicht) verbergen und verschweigen … Die Diskriminierungen zu leugnen, dieje-nigen zum Schweigen bringen zu wollen, die vor Schmerz schreien und nach Gerechtigkeit rufen, widerspricht dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.“
Zur Verdeutlichung zitiert Kräutler eine Geschichte aus dem Lukasevangelium, wo Zuhörer Jesus auffordern, seine Jünger zum Schweigen zu bringen, die sich ihrer Meinung nach anstößig geäußert und verhalten hatten. Jesus ant-wortet ihnen: „Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.“ (Lk 19,40) Lukas hatte sich hier auf den Propheten Habakuk bezogen, bei dem es im zweiten Kapitel heißt, wenn jemand„für sein Haus unrechten Gewinn“ suche, werde „der Stein in der Mauer (schreien) und der Sparren im Gebälk antworten“ (Hab 2,9.11).
Leser*innen ohne engen Kontakt zu christlicher Spiritualität seien also gewarnt. Der Autor argumentiert aus seiner tie-fen religiösen Überzeugung heraus, und damit haben wir ein zwar hoch politisches, aber auch ein sehr frommes Buch vor uns: „Die Mystik des Propheten ist keine gemütliche persönliche Intimität, ein ‚Ich-mit-Gott‘ und ‚Gott-mit-mir‘.
… Ausgehend von der Erfahrung des ‚Gott-mit-uns‘ sieht der Prophet das Elend, hört er den Schrei, kennt er das Leid, steigt er herab in die Realität der Diskriminierten, der Ausgegrenzten, der Ausgebeuteten, der Ausgeschlossenen, derer, die als‚Über!üssige‘ und als‚menschlicher Abfall‘ gel-ten.“ (unter Bezug auf das Schlussdokument der Fünften Lateinamerikanischen Bischofskonferenz von 2007)
Auf den folgenden etwa hundert Seiten stellt uns der Autor die Entwicklung der (römisch-katholischen) kirchlichen Haltung zum Thema Amazonien vor. Er weist darauf hin, dass diese Haltung zunächst gar keine spezielle, eigene Rolle in der Verkündigung, aber auch nicht in der Meinungsbildung spielte. Das änderte sich im November 1970, als Papst Paul VI. bei der Generalversammlung der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) sprach und sagte: „Der Mensch hat Jahrtausende gebraucht, um zu lernen, ‚sich die Erde untertan zu machen‘, zu beherrschen, wie es das inspirierte Wort im ersten Buch der Bibel sagt (Gen 1,28). Jetzt ist die Zeit gekommen, dass er lernt, sich selbst zu beherrschen. Dieses notwendige Unterfangen erfordert nicht weniger Mut und Entschlossenheit als die Eroberung der Natur selbst.“ Im Gefolge dieser Überlegungen kamen die Bischöfe Amazoniens zu einem interregionalen Treffen im brasilianischen Santarém im Mai 1972 zusammen, das unter dem Titel stand: „Christus weist auf Amazonien hin.“ Diese Spur verfolgt der Autor konsequent weiter. Die Bischöfe Amazoniens suchten mehr oder weniger eng den Kontakt mit den Menschen dort. Für Kräutler selbst sind das vorrangig die ursprünglichen Bewohner*innen, zu denen er auch ausdrücklich immer wieder „Quilombolas“, Schwarze in der Tradition der entlaufenen Versklavten, und „Flussanrainer“ zählt. Die Bischöfe versuchten, die Aufmerksamkeit ihrer nationalen Bischofskonferenzen und danach auch der Gesamtkirche auf Amazonien zu lenken. Der Autor weist zwar auf Widersprüche und Rückschläge in diesem Prozess hin, hält ihn insgesamt aber für ge-lungen. Insbesondere „die Einstufung aller Verbrechen gegen den Lebensraum der Amazonasvölker als ‚ökologische Sünde‘“
(so das Schlussdokument der Sondersynode für die Region Panamazonien vom Oktober 2019) ist ihm wichtig. Damit stellt sich für ihn die Verbindung zum buen vivir oder sumak kawsay der Andenbewohne-r*innen her.
Offen bleibt dabei, wie sich das damit verträgt, dass die reale Zerstörung der Natur Amazoniens ebenso wie die des Lebensraums der ursprünglichen Bewohner*innen immer weiter fortgeschritten ist. Dabei ist Kräutler nicht naiv. Er verweist auf mächtige Interessen und Klassenkämpfe (die er nicht so nennt), sagt aber auch, dass„das Leiden niemals von der ‚Mission‘ getrennt werden (kann)“, dass Pastoral und Kirche also nicht notwendig Erfolgsgeschichten sind.
Ein Buchtipp: Erwin Kräutler
Kräutler, Erwin: Prophetische Kirche in Amazonien. Indigene Völker und Ökologie, Luzern 2026, Exodus.
Erwin Kräutlers Prophetische Kirche in Amazonien ist ein engagiertes Zeugnis seines jahrzehntelangen Einsatzes für indigene Völker, soziale Gerechtigkeit und den Schutz des Amazonas. Das Buch verbindet persönliche Erfahrungen mit einer klaren kirchlichen Positionsbestimmung: Prophetisch ist für Kräutler jene Kirche, die Missstände offen benennt, sich mit den Entrechteten solidarisiert und ökologische Zerstörung nicht hinnimmt.
Zentral ist seine Forderung nach einer Kirche, die politisch mutig, synodal, inkulturationsfähig und konsequent an der Seite der Armen steht. Am Beispiel der Kirche in Amazonien wird das verdeutlicht. Es ist so etwas wie eine lokale Kirchengeschichte. Eine zentrale Figur: Papst Franziskus, aber auch mit einem Ausblick auf Leo XIV.
Dom Erwin erweist sich als ein kritisch-loyaler Mann der Kirche. Das zeigt seine vornehme Kritik an der Kirche.
Das Werk ist damit weniger theoretische Analyse als ein leidenschaftlicher Weckruf zu einer glaubwürdigen, handlungsorientierten Kirche in Zeiten ökologischer und sozialer Bedrohung.

Am 22. März 2026 wird Erwin Kräutler in Luzern mit dem Herbert Haag Preis für Freiheit in der Kirche ausgezeichnet. Gleichzeitig erscheint sein Buch «Prophetische Kirche in Amazonien». Daniel Kosch stellt es vor.
Mit dem Herbert Haag Preis wird das lebenslange Engagement von Bischof Erwin Kräutler (*1939) gewürdigt, der von 1981 bis 2015 Bischof von Xingu war, dem flächenmässig grössten Bistum Brasiliens. Für seine Überzeugungen ist Dom Erwin, wie er von den Leuten genannt wird, trotz Lebensgefahr eingestanden, wurde bedroht, schwer verletzt und überlebte einen Mordanschlag nur knapp. Mut und Hartnäckigkeit zeichnen aber nicht nur seinen prophetischen Einsatz für die indigenen Völker Amazoniens und für die Ökologie aus, sondern auch seine Positionsbezüge innerhalb der Kirche. Die Herbert Haag Stiftung hebt drei Leitmotive seines Wirkens hervor:- den Einsatz für Umweltschutz und Klima: «Wir haben nur diese eine Welt und keinen Plan B»
- das Engagement für die Rechte der indigenen Bevölkerung: «Sie sind nach wie vor in ihrem kulturellen, aber auch physischen Überleben bedroht»
- das Plädoyer für den Wandel hin zu einer nicht-klerikalistischen, geschlechtergerechten Kirche, die «Hoffnungsträgerin für Menschen an der existenziellen Peripherie ist».
Prophetische Kirchenkritik
Obwohl er Papst Franziskus kannte und schätzte, und seine Vision von einer synodalen Kirche teilte, äusserte er sich im Vorfeld der Zweiten Sitzung der Weltsynode 2024 sehr kritisch zum Instrumentum laboris, der Grundlage für die Arbeit der Synode. Zum einen bedauerte er, dass Franziskus das Thema der Weihe von Frauen aus dem Synodenprogramm gestrichen «und wie es scheint, auf den Sankt Nimmerleinstag hinausgeschoben hat». Es gehe «um Gottes Willen, doch nicht darum, was vor zweitausend Jahren tatsächlich gegolten hat oder nicht, sondern es geht um Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit. … Im Klartext: die Weihegnade darf Frauen nicht länger verweigert werden!» (Herder Korrespondenz online).
Zum anderen kritisierte er den Fortbestand der «ganze(n) hierarchische Machtpyramide mit den vielfältigen Stufen und Rängen». Und drittens hielt er fest, um den Menschen in Armut und Marginalität «überhaupt zuhören zu können, müssen wir uns erst einmal aus unserer kirchlich geschützten Geborgenheit hinaus in die geächtete, verabscheute Ungeborgenheit der Peripherien hineinwagen! nicht leicht! Und das Instrumentum laboris gibt auch keinen Rat, wie dies geschehen könnte oder soll».
Authentische Liebe zu Gott – konsequente Nachfolge Jesu – Option für die Armen
Zeitgleich mit der Verleihung des Herbert Haag Preises (mit dem 2023 auch die Redaktion von feinschwarz.net ausgezeichnet worden war) veröffentlicht die Edition Exodus unter dem Titel «Prophetische Kirche in Amazonien» ein Buch des Preisträgers. Der Untertitel «Indigene Völker und Ökologie» benennt dessen Hauptanliegen.
Sr. Birgit Weiler hat dazu eine instruktive Hinführung verfasst. Es sei «bezeichnend», dass Kräutler genau am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils 1965 nach Xingu in Brasilien kam. Denn er sei ein Priester und Bischof ganz in dessen Geist, der sich die «kopernikanische Wende» des Konzils in der Beziehung zu den nichtchristlichen Religionen zu eigen gemacht habe (14). «Im Geist des Evangeliums hat sich Erwin Kräutler von Anfang an […] entschieden für die Anerkennung der indigenen Völker, ihrer Würde, Rechte, Kultur und Sprache eingesetzt und mit den indigenen Menschen und Gemeinschaften Beziehungen auf Augenhöhe gestaltet, geprägt von wechselseitigem Austausch» (15).
Zudem macht die Hinführung auf die Verdienste Kräutlers für den katholischen Missionsrat für die indigenen Völker (CIMI) aufmerksam, den er mitbegründet und lange Jahre präsidiert hat. Der CIMI hat das Missionsverständnis erneuert: Mission bedeutet nicht länger Bekehrung, sondern, «Zeugnis zu geben vom Evangelium, gemeinschaftlich Samenkörner des Reiches Gottes zu säen und daher prophetisch Missstände und Ungerechtigkeiten, die die indigenen Völker erleiden, zu dokumentieren, sie zusammen mit den indigenen Völkern öffentlich anzuzeigen sowie mit friedlichen Mitteln für die Respektierung der Menschenrechte, insbesondere der Landrechte der indigenen Völker zu kämpfen» (19).
Mit Papst Franziskus verbinde Erwin Kräutler die Einsicht in «die unbedingte Notwendigkeit einer ganzheitlichen Ökologie […], in der die menschliche, soziale, wirtschaftliche, politische, kulturelle, ökologische und spirituelle Dimension miteinander verwoben sind» (21).
Neben seinem entschiedenen Einsatz «für eine synodale und geschlechtergerechte Kirche» (22) betont Birgit Weiler die für Kräutler typische Verbindung von «Mystik und Prophetie» (24). Um «Verantwortungslosigkeit, Unstimmigkeiten und Ungehorsam anzuprangern» und zugleich «das Volk, das leidet, zu trösten […] bedarf der Prophet oder die Prophetin jedoch selbst des Trostes und der Stärkung durch Gott in Kontemplation und Gebet» (24). Zum prophetischen Rollenverständnis des Xingu-Bischofs gehört, dass er nicht «eine Stimme für die Armen sein», sondern diese «tatkräftig darin unterstützen [will], mit eigener Stimme zu sprechen» (16).
Prophetische Kirche in Amazonien
Dieses Selbstverständnis widerspiegelt sich auch im Text von Erwin Kräutler. Einleitend stellt er die Rolle und das Wirken von Prophetinnen und Propheten in der Bibel vor (29-48), nicht ohne die biblische Reflexion mit dem amazonischen Kontext zu verknüpfen. Gegen Kreise, die behaupten, der Einsatz für die Indigenen und die Umwelt habe «nichts mit dem Evangelium zu tun», hält er fest, das hiesse, «die Augen vor Ungerechtigkeiten, Gewalttaten und Verbrechen gegen die Würde und die Menschenrechte zu verschliessen und zu schweigen angesichts der Ausgrenzung so vieler unserer Brüder und Schwestern […] Die Diskriminierungen zu leugnen, diejenigen zum Schweigen bringen zu wollen, die vor Schmerz schreien und nach Gerechtigkeit rufen, widerspricht dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus» (33).
An den biblischen Teil des Buches (37-40) schliesst nicht etwa eine auf das eigene prophetische Wirken bezogene Darstellung an, sondern eine sorgfältige Rekonstruktion des prophetischen Redens «in der Kirche Amazoniens» (49). Präsentiert wird eine lange Reihe von Versammlungen, Treffen und Gremien seit den 1970er-Jahren, für die der «Schutz des Lebens in Amazonien» (58) eine wichtige Rolle spielte. Zahlreiche Dokumente und Statements bezeugen die tiefe Verwurzelung des Engagements
- in der konkreten Situation,
- in der Verbundenheit mit den Menschen und der Schöpfung,
- sowie im eigenen Glauben,
aber auch die globale Bedeutung des Themas. Als «Schwester der Schöpfung betrachtet die Kirche Amazoniens den Schutz der gesamten Schöpfung als Teil ihrer fundamentalen Option und ruft alle Männer und Frauen dazu auf, sich um den Planeten als unser gemeinsames Zuhause zu kümmern» (79).
Die Kirche Amazoniens als solche hat eine prophetische Rolle. Dies nicht nur wegen der weltweiten Bedeutung von Amazonien für das Klima und den globalen Wasserhaushalt, sondern auch aufgrund ihrer Art und Weise, als Kirche zu leben und mit den pastoralen Herausforderungen umzugehen. Schon 2013 fand ein erstes «Treffen der Katholischen Kirche im Amazonasbecken in neuen Formen» statt, 2019 dann die Amazoniensynode in Rom, deren Schlussdokument für synodale Prozesse plädiert und die Weltsynode vorwegnimmt: «Es wird höchste Zeit, sich auf diesen Weg zu begeben, Verantwortlichkeiten vorzuschlagen und zu übernehmen, um Klerikalismus und willkürliche Anweisungen zu beenden. Synodalität ist eine verfassungsmässige Dimension der Kirche. Wir können nur dann Kirche sein, wenn wir darauf achthaben, dass das gesamte Volk Gottes den sensus fidei wirksam ausüben kann» (83, vgl. auch 96-103). Vor diesem Kontext wird auch der Einsatz von Papst Franziskus für die indigenen Völker und die Ökologie sowie für das «geliebte Amazonien» gewürdigt (91-95).
Märtyrerinnen und Märtyrer des Weges
Ein letztes Kapitel (107-116) bezeugt anhand von Personen, die Kräutler persönlich gekannt hat, das Wirken von Frauen und Männern, die ihren Einsatz für Menschenrechte und Menschenwürde mit dem Leben bezahlt haben. Denn «keine Rede und kein Artikel zur Verteidigung Amazoniens, der in ihrer physischen und kulturellen Existenz gefährdeten Völker und der nicht weniger durch skrupellose Ausbeutung, Brandrodungen, Abholzungen und Verlust der Artenvielfalt bedrohten Umwelt darf diejenigen vergessen, die das Engagement für diese Anliegen das Leben gekostet hat» (107).
«Heiliger Boden»
Ein «unvorhergesehener Epilog» (117-131) spricht von der Verbundenheit Erwin Kräutlers mit Papst Franziskus und vom Beginn des Pontifikates von Leo XIV. Anlässlich eines Treffens von Franziskus mit Vertretungen indigener Völker in Peru 2018 hielt dieser eine Ansprache, welche eindrücklich von der Bedeutung dieser Völker für jene spricht, die nicht in diesen Gebieten leben: «Wir, die wir nicht in diesen Gebieten leben, brauchen eure Weisheit und euer Wissen, um ohne Zerstörung in den Schatz eintreten zu können, den diese Region in sich birgt; und die Worte des Herrn an Mose hallen wider: ‹Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden› (Ex 3,5)» (123).
Ein Anhang (133-152) dokumentiert einen 2014 erstmals veröffentlichten autobiographischen Text, der sich zusammen mit der Hinführung von Birgit Weiler gut als Einstieg in die Lektüre eignet und einen starken Eindruck von der Persönlichkeit dieses aussergewöhnlichen Bischofs und seiner «liebenden Solidarität» hinterlässt (138).
Synodalität und Einsatz für die Welt
Das Buch des Trägers des Herbert Haag Preises 2026 gibt für die katholische Kirche in unseren Breitengraden zahlreiche Anstösse, von denen ich einen hervorheben möchte: Das Projekt einer synodalen Kirche muss keineswegs dazu führen, dass die Kirche einmal mehr um sich selbst kreist. Von der Kirche in Amazonien ist zu lernen, dass Synodale Versammlungen und Prozesse auf unterschiedlichsten Ebenen ein Thema wachhalten, Positionen klären und kräftigen sowie zu unerschrockenem Einsatz ermutigen und damit im Sinne des Missionsverständnisses des Konzils missionarisch können. Im Dialog mit dem Volk Gottes können Bischöfe, die wie Erwin Kräutler «Mystik und Prophetie» (24) verbinden, dazu wichtige Beiträge leisten.
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Foto: Christoph KnochDaniel Kosch, Dr. theol., leitete von 1992-2001 die Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB und war von 2001-2022 Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) . Seit 2023 ist er Präsident des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Jüngste Publikation: «Synodal und demokratisch. Katholische Kirchenreform in schweizerischen Kirchenstrukturen» (Edition Exodus, Luzern 2023).